JURA NOVA Tagungsbericht 29.4. bis 3.5.2015

Gestaltungskräfte im Recht: Begegnungsfähigkeit und Friedensfähigkeit

Die diesjährige JURA NOVA Tagung – zum wiederholten Mal in Einschlingen bei Bielefeld – drehte sich um Fragen zur Begegnungsfähigkeit und Friedensfähigkeit. Schnell wurde deutlich, dass der speziell rechtliche Blick auf die Begegnung sich immer auf die Urfrage zurückführen lässt: „Was ist gerecht zwischen dir und mir?“. In den all-täglichen, vom Tagesbewusstsein dominierten Rechtsstreitigkeiten bleibt dabei häufig das Erleben einer Beziehung auch mit dem „hinteren Raum“, den vom Alltags-Ich kaum gegriffenen höheren Anteilen jedes Einzelnen, im Unbewussten.

In eurythmischen Übungen wurde versucht, den vorderen und hinteren Raum und die Beziehungen dieser Räume bei sich und den anderen Menschen wacher zu erleben und darüber reflektiert, wie dieser Ansatz für die Rechtsgestaltung fruchtbar gemacht werden kann. Deutlich wurde der Bezug des Rechts zur ästhetischen Frage nach dem Zusammenhang von Stoff und Form. Im Recht kann die Frage als Zusammenhang zwischen dem Alltagsgeschehen und der ethischen Seite des Rechts formuliert werden. Das (ferne) Ziel des ethischen Individualismus liegt dann in der Verbindung von konkreter Situation und ethischem Sollen zu einer Einheit.

Mit anfänglichen Übungen u.a. zur Textrezitation und dem Plastizieren in Speckstein wurde danach gesucht, in Materialbearbeitung und Formwille die unterschiedlichen Arbeitsqualitäten der verschiedenen Tätigkeiten zu erleben.  Rudolf Steiner selbst hat darauf hingewiesen, das Musikalisch-Dichterische stärke die Sozialität und das Plastisch-Bildnerische die Individualität. Was kann das für das Recht bedeuten?

Die Entwicklung der eigenen Rechtsfähigkeit wurde ferner mit der Methode der „aktiven Rechtsgestaltung“ („Aktives Recht“) geübt. Die Methode zielt darauf ab, beim Einzelnen das Bewusstsein zu stärken, an welchen Stellen Spielräume genutzt und eigene Entscheidungen getroffen werden; nicht nur bei Konflikten, wie etwa in der Mediation, sondern auch schon früher, bevor ein Konflikt überhaupt entsteht. Gleichzeitig wird damit das Bewusstsein der eigenen Verantwortlichkeit für Konsequenzen einer Entscheidung entwickelt.

Dies unterstreicht den von der Jura-Nova-Initiative seit langem verfolgten Weg, das Recht aus seiner Beherrschung durch formale Aspekte zu befreien und als Übungsfeld grundlegender Friedensfähigkeit zu begreifen. In den Mittelpunkt rückt  damit das Interesse für den anderen Menschen. Die Entwicklung der menschlichen Seelenfähigkeiten durch das Interesse am anderen Menschen bleibt auch für das Recht ein noch zu hebender Schatz.

An weiteren Informationen interessierte Juristinnen und Juristen können sich an die Mailadresse JURANOVA[at]email.de wenden.

– Katja Meyer zu Heringdorf